| Vorworte der Bände 1 bis 12 Band: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 |
Vorwort [zu Band 1]
I 1. Das Historische Wörterbuch der Philosophie übernimmt es in der Nachfolge des zuerst 1899, zuletzt in 4. Auflage 1927-1930 erschienenen, seitdem längst vergriffenen und nicht ersetzten Wörterbuchs der philosophischen Begriffe von RUDOLF EISLER, im Element der Begriffe und Termini die gegenwärtige Philosophie in ihrem Wechselverhältnis zu ihrer Geschichte und zu den Wissenschaften darzustellen und zu vermitteln. Die Planung ging zunächst davon aus, das Wörterbuch Eislers zu «bearbeiten» und in neuer Auflage herauszugeben. Doch zeigte es sich bald, daß dieser Weg nicht gangbar war. Sollte das Wörterbuch auch nur seine elementare pragmatische Aufgabe erfüllen, Wegweiser und Hilfsmittel der Unterrichtung im Bereich der Philosophie zu sein, mußte es von Grund auf neu gestaltet und aufgebaut werden. Das ergab bereits die überprüfung der Nomenklatur, der sich der damals noch in Münster versammelte Herausgeberkreis zuerst zuwendete. Viele den Wissenschaften und der terminologiefreudigen Philosophie der Jahrhundertwende entnommene Termini ließen sich streichen, weil sich zeigte, daß sie weder mittelbar noch unmittelbar in der Philosophie fortgewirkt haben, und ebenso sind in nicht geringem Umfang seitdem in Gebrauch gekommene Begriffe und Termini neu aufgenommen worden. Doch das Problem, das sich stellte und das gelöst werden mußte, lag darin, daß der Veränderung im Stand der Terminologie und der Begriffssprache eine inhaltliche Veränderung und Differenzierung im Selbstverständnis der Philosophie und ihrer Stellung im System der Wissenschaften zugrunde liegt, denen ein zeitgemäßes Wörterbuch allein durch Veränderungen in der Nomenklatur nicht gerecht werden kann. R. Eisler war in einer «Weiterbildung des Kritizismus» davon
ausgegangen, daß die Philosophie nach dem Ende des spekulativen
Idealismus primär im erkenntnistheoretischen Sinn auf die «Verwertung
der Methodik und der Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung» -
in erster Linie der exakten Naturwissenschaften und der in ihrer Methode
sich begründenden Psychologie - festgelegt sei. Zwar hatte er das
Wörterbuch «in erster Linie und planmäßig historisch» ausgerichtet,
um «der Orientierung an der Entwicklung der philosophischen Begriffe
und Lehren» zu dienen, doch blieb für ihn dabei die überzeugung
leitend, daß durch die Wissenschaften in der Zuordnung der Philosophie
zu ihnen auch die philosophische Bedeutung der Begriffe und Termini bestimmt
würde. Er leitete deshalb jeden Artikel mit einer systematischen
Definition ein, der «ausführliche Begriffsbestimmungen und
Erläuterungen» beigegeben sind; durch sie wird dann auch über
die Beurteilung (und die Auswahl) des ihr folgenden geschichtlichen Materials
vorentschieden. Die Perspektive, in der Eisler die Entwicklung der Philosophie
gesehen hat, kann (ohne daß damit einer vereinfachenden Identifikation
Vorschub geleistet werden soll) als die des Dreistadiengesetzes von AUGUSTE
COMTE bestimmt werden, sofern die Philosophie auch für Eisler in
der Ausbildung der positiven Wissenschaft zu ihrer Vollendung kommt und
alle Methoden, Begriffe und Fragestellungen, die nicht in die Wissenschaft übergehen
und übergehen können, dazu bestimmt sind, in die Vergangenheit
einer nur historischen Existenz zurückzufallen. über diese
Bestimmung des Verhältnisses der Philosophie in ihrer systematischen
Funktion und im vielfältigen Reichtum ihrer geschichtlichen Bildung
zu der ihr gegenüber verselbständigten Wissenschaft ist die
Entwicklung hinweggegangen. Sie hat dazu geführt, daß dieses
Verhältnis von neuem offen ist; es kann nicht vorausgesagt werden,
wie einmal eine neue Synthese aussehen wird und ob sie im Spiel ist oder
nicht. 2. Lebensphilosophie, Phänomenologie, Existenzphilosophie und ebenso die Erneuerung ontologischer und metaphysischer Fragestellungen sind - nicht ohne Zusammenhang mit den durch die Neuscholastik vermittelten Traditionen und mit der philosophiehistorischen Forschung, wie neuestens auch der Hermeneutik und der kritischen Theorie - bei aller Verschiedenheit dadurch gemeinsam gekennzeichnet, daß mit ihnen die Philosophie das Bewußtsein ihres eigenen, ihr nicht allein durch die Wissenschaften vorgegebenen Gegenstandes zurückgewonnen hat. Dazu gehört, daß die Zuwendung zur Geschichte der Philosophie nicht mehr nur als antiquarische Forschung verstanden wird, sondern positiv zur erinnernden Vergegenwärtigung geworden ist, in der antike und spätantike Philosophie, Patristik und Scholastik ebenso wie die Erneuerungsbewegung der Philosophie in Humanismus und Aufklärung seit dem 16. und 17. Jahrhundert und auch die spekulativen Theorien des Idealismus nach Kant in ihren Begriffen und Theorien eine noch nie erreichte Präsenz gewonnen haben als das, wovon und worin die Philosophie in ihren gegenwärtigen Aufgaben sprachlich und begrifflich lebt. Die Scheidewand zwischen System und Philosophiehistorie ist durchlässig geworden. Was diese erarbeitet, geht in die Bewegung des philosophischen Gedankens als ein ihm in seiner Gegenwart Zugehöriges ein. Ohne Beziehung hierzu hat die wissenschafts-theoretische Aufgabe der
Philosophie im Zusammenhang mit der Ausbildung der mathematischen Logik
unter dem Einfluß des Wiener Kreises und der von ihm angeregten
und ausgehenden Richtungen analytischer Philosophie eine Bedeutung erhalten,
die über ihre ältere erkenntnistheoretische Form durchaus hinausgeht.
Sie sucht die wissenschaftlichen Aussagen in einem diesen immanenten
Konstitutionssystem zu fundieren, das den durch die neue Logik gesetzten
Genauigkeitsforderungen genügt und für dessen Begründung
diese Logik zugleich methodisch benutzt wird, so daß die sprachliche
und logische Analyse wissenschaftlicher Aussagen mit philosophischem
Anspruch in die konstitutive Begründung der Wissenschaften selbst übergeht
und mit ihr identisch werden kann oder geworden ist. Während die
Philosophie in ihrem geschichtlichen Begriff auf den Zusammenhang mit
den durch Geschichte und Tradition vermittelten Begriffen verwiesen bleibt,
läßt die Philosophie als analytische Wissenschaftstheorie
prinzipiell die Sphäre der geschichtlichen, an die «natürlichen» Sprachen
gebundenen Philosophie hinter sich; sie konstituiert sich im gleichen
Sinne wie die durch sie begründeten Wissenschaften ihrerseits historisch
voraussetzungslos als «strenge Wissenschaft». Kritisch zu
den szientistischen Tendenzen dieses Selbstverständnisses von Philosophie
verhalten sich die normativ orientierten Wissenschaftstheorien. Hier
sollen die verschiedenen Wissenschaften durch ein vernünftiges Begreifen
gewordener Lebenswelt des Menschen methodisch begründet werden. Zu solcher Differenzierung der Wege, die nicht mehr wie im Zeitalter
der Durchsetzung der neuen Wissenschaften aus der Entgegensetzung beharrender
und progressiver Tendenzen verstanden werden kann, gehört unverändert
und mit zunehmendem Gewicht die philosophische Relevanz der Wissenschaften
auch im Verhältnis zu allen Formen vorwissenschaftlicher und außerwissenschaftlicher
Erfahrung, sofern diese sich notwendig im Felde der durch die Wissenschaften
vermittelten Erkenntnis der Wirklichkeit findet; sie mag diese Bindung
ignorieren, aber aus ihr lösen kann sie sich nicht. Das gilt für
die Natur wie für die geschichtlichen, ethischen Institutionen,
für die Sprache, für die in Religion, Kunst, Dichtung und Literatur
sich realisierende Bildung des Geistes, ebenso für Gesellschaft
und Staat, so daß die geschichtlichen Geisteswissenschaften, Soziologie,
Rechts- und Staatswissenschaften in ihren Disziplinen, Verzweigungen
und Richtungen die gleiche philosophische Bedeutung erhalten haben wie
die Naturwissenschaften. Wo so die Vielheit der Tendenzen die gegenwärtige
Philosophie kennzeichnet, und deren Einheit - wenn es sie gibt - in solcher
Vielheit eingeschlossen ist, da ist es nicht die Aufgabe eines philosophischen
Wörterbuches, einen Standpunkt normativ geltend zu machen und Einheit
zu simulieren und zu postulieren, sondern ihrer möglichen Ausbildung
dadurch zu dienen, daß in ihm versucht wird, die sich in der Vielfalt
der Begriffe und Termini vollziehende Bewegung aufzunehmen und sie nach
Möglichkeit transparent zu machen. In dem Prozeß, in dem sich die Natur- und Geisteswissenschaften
aus dem Zusammenhang der Philosophie emanzipiert haben, sind zahlreiche
ursprünglich der Philosophie zugehörige Begriffe in diese Wissenschaften
eingegangen; damit haben sich ihre Bedeutung, ihre methodische und inhaltliche
Funktion so verändert, daß die Philosophie sie nicht mehr
im Sinne ihrer eigenen älteren überlieferung verstehen und
gebrauchen kann; vielmehr muß sie das, was diese Termini inhaltlich
meinen, nun in der Vermittlung der Disziplinen aufnehmen, in die sie
eingegangen sind. Zugleich nimmt in dem Maße, wie Erkenntnis und
Erfahrung allgemein und gesellschaftlich die der Wissenschaften sind,
die Zahl der in den Wissenschaften neugebildeten Begriffe und Termini
zu, die für die Philosophie als das unaufhebbare Medium ihres Begreifens
zu gelten haben. Die Entscheidung, was aufgenommen werden sollte, war nicht immer einfach,
denn es gibt kein eindeutiges Kriterium für die philosophische Relevanz
fachwissenschaftlicher Termini und Begriffe. Der Herausgeberkreis ist
davon ausgegangen, daß eine zu enge Begrenzung nicht wünschenswert
sei, auch wenn er sich so gelegentlich dem Einwand aussetzen mag, den
Kreis dessen, was philosophisch bedeutsam ist, zu weit gefaßt zu
haben. Die sorgfältige Aufnahme der Begriffssprache gegenwärtiger
Philosophie in der Vielfalt ihrer Richtungen und der Philosophie in ihrer
Geschichte bleibt die Grundlage für ein philosophisches Wörterbuch.
Doch wird in diesem Wörterbuch auch die Terminologie der neuen Logik
und der mit ihr verbundenen Wissenschaftstheorien voll berücksichtigt.
Die Psychologie, die weithin Aufgaben übernommen hat, die noch im
18. und im Beginn des 19. Jahrhunderts die Philosophie und insbesondere
die philosophische Anthropologie erfüllten, hat in diesem Wörterbuch
eine wichtige Stelle erhalten, ohne daß damit die für die
Zeit vor und nach der Jahrhundertwende kennzeichnende Identifizierung
von Philosophie und Psychologie erneuert würde. Auf Anraten eines Kreises von Indologen, Sinologen und Japanologen werden
außer Begriffen der asiatischen Philosophie, die in der europäischen
Philosophie schon Bürgerrecht genießen, auch solche behandelt,
die künftig in einer globalen Philosophie eine Rolle spielen könnten
oder instruktive Parallelen zur europäischen Problem- und Begriffsgeschichte
bieten. Damit soll auf sinnfällige Weise deutlich werden, daß Philosophie
nicht mehr nur als europäische Philosophie begriffen werden kann,
auch wenn diese Mittel- und Schwerpunkt des Wörterbuches bleibt. Theologie und Philosophie - seit zwei Jahrtausenden wirkungsgeschichtlich
eng miteinander verflochten - haben sich immer von neuem gegenseitig
in Frage gestellt. Theologische Begriffe sind daher oft Hintergrund und
Schlüssel für philosophische Problemstellungen und Theorien,
ohne daß dieser Zusammenhang immer durchsichtig bleibt: Sie haben
so ihren Ort und ihre Funktion in einem Historischen Wörterbuch
der Philosophie. 3. Die Verschiedenheit und Heterogenität der Bereiche, die in das Wörterbuch eingehen, machten es für den Herausgeberkreis schon im Stadium der vorbereitenden Planung notwendig, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, welcher Methode die Darstellung zu folgen habe und ob es überhaupt sinnvoll und möglich sei, sich für sie an einem einheitlichen Modell zu orientieren. DESCARTES war in der neuen Begründung der Philosophie davon ausgegangen,
daß fast alle Kontroversen entfallen würden, wenn sich die
Philosophen über die Bedeutung der von ihnen verwendeten Wörter
einigen könnten: «Si de verborum significatione inter philosophos
semper conveniret, fere omnes eorum controversiae tollerentur.» In
diesem Sinne hat das von A. LALANDE herausgegebene Vocabulaire Technique
et Critique de la Philosophie im Wege einer klärenden Zusammenfassung
der verschiedenen Bedeutungen gegebener Begriffe und in kritischer Prüfung,
welche unter ihnen noch tragfähig seien, es unternommen, «un
usage bien défini des termes» und «définitions
constructives» zu entwickeln, aus welchen am Ende eine international
verbindliche Terminologie der Philosophie hervorgehen könnte. Die hierin implizierte cartesianische Voraussetzung, daß mit der
Vollendung einer eindeutigen Terminologie auch das Ideal voller «Verständlichung» erreicht
werde, entspricht wesentlich der positivistischen und mit der mathematischen
Logik verbundenen Wissenschaftstheorie, steht aber in Spannung zu der
sich geschichtlich begreifenden Philosophie und ihrem kritischen Bewußtsein,
das die «Sprach- und Denkgewohnheiten vor das Forum der geschichtlichen
Tradition» stellt. Statt sich von der Sprache treiben zu lassen,
bemüht sich diese Richtung um ein «begründetes geschichtliches
Selbstverständnis» und wird damit «von einer Frage der
Wort- und Begriffsgeschichte in die andere genötigt» (H.-G.
GADAMER). Dieser Position verdankt die begriffsgeschichtliche Forschung
ihre fruchtbare und kräftige Entfaltung in den letzten Jahrzehnten;
von R. EUCKEN angeregt, hat sie E. ROTHACKER dazu geführt, das Archiv
für Begriffsgeschichte zu gründen und es bis zu seinem Tode
im Auftrage der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz
herauszugeben in der Absicht, «Bausteine zu einem historischen
Wörterbuch der Philosophie» zu liefern. Die begriffsgeschichtliche
Forschung, die noch in ihren Anfängen steht, hat so ihren Grund
in einer Fragestellung, die sowohl im Blick auf eine Idee von Philosophie
wirksam zu werden vermag, für die Philosophie im Wandel ihrer geschichtlichen
Positionen und in der Entgegensetzung der Richtungen und Schulen sich
als perennierende Philosophie fortschreitend entfaltet, aber ebenso auch
als die Aufmerksamkeit für die geschichtliche Vielschichtigkeit
des philosophischen Gegenstandes und als die kritische Reflexion genommen
werden kann, die einer «abstrakten» Festlegung des Begriffs
entgegenwirkt, indem seine geschichtliche Prägung und Bildung in
das Bewußtsein gehoben wird. Es ist nicht die Aufgabe des Wörterbuches, zur Spannung zwischen
einer «cartesianischen» und einer geschichtlichen Philosophie
Stellung zu nehmen. Die begriffsgeschichtliche Orientierung mußte
da maßgebend werden, wo es darum geht, einen Begriff in seiner
Geschichte und aus dieser zu verstehen oder ihn in seiner gegenwärtigen
Funktion in Beziehung zu seiner Geschichte zu bringen. Doch forderten
ebenso diejenigen Begriffe ihre ihnen angemessene Darstellung, für
deren Funktion die Herauslösung aus der Geschichte konstitutiv ist.
Daher wäre es ein Mißverständnis, wenn dieses Wörterbuch
als «begriffsgeschichtliches Wörterbuch» auftreten wollte;
es würde in dieser Bestimmung seiner Aufgabe nicht gerecht und wäre
zugleich methodisch und inhaltlich überfordert. Deshalb wird es
unter den Titel Historisches Wörterbuch der Philosophie gestellt,
der anzeigt, daß es die Philosophie und ihre Begriffe im Horizont
der Geschichte und ihrer geschichtlichen Herkunft zum Gegenstand hat
und dort die historische Darstellung wählt, wo diese für das
Verständnis eines Begriffes notwendig oder wünschenswert ist. Der Herausgeberkreis hat dafür Sorge getragen, daß die Begriffsgeschichte
in ihrer Herkunft aus der philosophischen Lexikographie und der Philosophiehistorie,
in ihrer systematischen Entwicklung und in ihren Aporien in einem Artikel
eingehend dargestellt wird; seine Lektüre wird deutlich machen können,
was dieses Wörterbuch der begriffsgeschichtlichen Forschung verdankt,
was aus ihr in es eingegangen ist und worin es von ihr nicht nur in den
Bereichen unterschieden bleibt, denen jede Form geschichtlicher Darstellung
unangemessen wäre. Alle methodischen überlegungen zur Konzeption des Ganzen in seinem
Aufbau und seiner Ordnung wurden von Anbeginn von der Einsicht bestimmt,
daß ein Wörterbuch, das die Begriffe der Philosophie und philosophisch
relevante Begriffe und Termini aus den Wissenschaften in der Verschiedenheit
ihrer Begründung und Funktion zum Gegenstand hat, der Gefahr und
der Versuchung standpunktlicher Verengung und einer künstlichen,
fiktiven Vereinheitlichung nur entgehen kann, wenn mit der Tradition
gebrochen wird, in der J.G. WALCH, W.T. KRUG oder R. EISLER als Einzelne
es unternahmen, ein universales Wörterbuch zusammenzubringen und
abzufassen. Die Voraussetzung dafür, daß Einzelne ein solches
Werk ausführen konnten, war nicht nur eine ungemeine, bewundernswerte
und nicht leicht erreichbare Energie des Sammelns und der gelehrten Durchdringung,
sondern vor allem und zuerst die in den eigenen Standort aufgenommene
Tendenz ihrer Zeit, eine einheitliche Begründung, sei es im Sinne
der Aufklärung, der transzendentalen philosophischen Wende oder
der erkenntnistheoretischen Definition der Philosophie, durchzusetzen
und diese Begründung zur kritischen Norm des vielfältigen Materials
zu machen. Wo dieses nicht oder nicht mehr möglich ist, da gibt
es nur den Weg, die Begriffe nicht aus einer normativen Perspektive gleichsam
von außen, sondern in den sachlichen Zusammenhängen, in denen
sie jeweils stehen, zur Darstellung zu bringen und ihre Behandlung denen
anzuvertrauen, die jeweils die Sachverständigen sind und die das,
was gesagt werden kann, der ihnen vertrauten Sache entnehmen und in die
Darstellung einbringen können. So ist dieses Wörterbuch das Werk vieler Autoren aus vielen Ländern
und verschiedener philosophischer Richtungen und Herkunft und fast aller
im Horizont der Philosophie wichtigen Disziplinen der Naturwissenschaften
und der Geisteswissenschaften (vgl. das Autorenverzeichnis am Schluß des
Bandes). Die skeptische Sorge, die am Anfang stand, ob eine solche gemeinsame
Aufgabe angenommen würde und ob die Teilnahme an der Philosophie
in den Geistern noch die lebendige Kraft besitze, die Bereitschaft und
die Neigung zur Mühe der Mitwirkung in ihrem Dienste zu wecken,
erwies sich als unbegründet. Das Wörterbuch ist ihre reale
Widerlegung, indem es in der Mannigfaltigkeit und in der Verschiedenheit
der Beiträge die Vielfalt der geistigen Tendenzen in der Philosophie
und in den Wissenschaften widerspiegelt und so auch divergierenden Auffassungen
das Recht freier Entfaltung gewährt. II 1. Das Wörterbuch beschränkt sich auf Begriffe und Termini; es enthält keine Artikel zu einzelnen Philosophen und keine geschlossenen Darstellungen ihrer Philosophie, wohl aber werden die Namen von Richtungen und Schulen aufgenommen, die als historische Orientierungsschemata eine dem Begriff analoge Bedeutung haben. Die Artikel zu ihnen suchen das Aufkommen dieser zusammenfassenden Namen zu bestimmen, die mit ihnen gesetzte Deutung zu klären und ihre Anwendung zu verfolgen, die nachträglich oft auch auf Richtungen und Schulen ausgedehnt wurde, die diese Namen nicht gekannt haben. 2. Der Herausgeberkreis hat, nicht leichten Herzens, darauf verzichtet, Metaphern und metaphorische Wendungen in die Nomenklatur des Wörterbuches aufzunehmen, obwohl ihm klar war, daß, wie H. BLUMENBERG gezeigt hat, gerade die der Auflösung in Begrifflichkeit widerstehenden Metaphern «Geschichte in einem radikaleren Sinn als Begriffe» haben und an die «Substruktur des Denkens» heranführen, die die «Nährlösung der systematischen Kristallisationen» ist. Der Grund dieses Verzichtes war die Einsicht, daß damit das Wörterbuch bei dem gegebenen Stand der Forschungen in diesem Felde überfordert würde und daß es besser sei, einen Bereich auszulassen, dem man nicht gerecht werden kann, als sich für ihn mit unzureichender Improvisation zu begnügen. 3. Die Verschiedenheit und Heterogenität der Bereiche, die Gegenstand des Wörterbuches sind, hat im notwendigen Verzicht auf eine einheitliche Methode der Darstellung dazu geführt, daß in ihm verschiedene Typen von Artikeln eingeführt wurden. a) Terminologische Artikel sind der nicht geringen Zahl von Wörtern zugeordnet, deren Bedeutung in der Philosophie und in den Wissenschaften im wesentlichen feststeht; sie begnügen sich in der Regel mit einer - gelegentlich durch knappe oder ausführlichere Erläuterungen erweiterten - allgemeinen Kennzeichnung. b) In einer zweiten Gruppe von Artikeln werden Begriffe behandelt, die in der Geschichte nur wenigen deutlich bestimmbaren Bedeutungsveränderungen unterworfen waren oder die für bestimmte philosophische Positionen eine zentrale, ihre Geschichte fortgehend bestimmende Bedeutung erhielten. Sie werden dementsprechend schwerpunktlich dargestellt. Das gilt insbesondere für Begriffe und Termini der Fachwissenschaften, bei denen aber dann, wenn sie zugleich eine philosophische Geschichte und Vorgeschichte haben, diese entweder in die Darstellung einbezogen oder in einem ergänzenden Artikel behandelt werden, ohne daß dies jedoch zur verbindlichen Regel gemacht werden konnte. c) Im Bereich der Einzelwissenschaften, vor allem aber in der neuen Logik, empfahl es sich, eine Reihe von Termini nicht für sich, sondern in dem systematischen Zusammenhang, in dem sie stehen, zusammenfassend darzustellen. Das hat zur Folge, daß es im Wörterbuch eine Gruppe enzyklopädischer Artikel, wie Algorithmus, Informationstheorie, Aussagenlogik, dialogische Logik, Prädikatenlogik, gibt, die die Hauptlast auch der systematischen Detailinformation tragen, während sich das, was zu anderen - etwa das Teilwort Logik enthaltenden - zusammengesetzten Termini (z.B. mathematische Logik) gesagt wird, auf eine kurze definitorische Unterrichtung als terminologiegeschichtliche Darstellung beschränken kann. In die Artikel zur Logik mußten notwendigerweise die hier gebräuchlichen Symbole eingehen und für die Grundsymbole einheitliche Zeichen eingeführt werden. Jedem Band des Wörterbuchs wird daher auf einer der letzten Seiten ein Verzeichnis beigegeben, in dem die Bedeutung der wichtigsten logischen und mathematischen Zeichen erläutert wird. Der Artikel Prädikatenlogik enthält außerdem unter Ziffer 2 eine Zusammenstellung, die die übersetzung in andere gebräuchliche logische Zeichen ermöglicht. d) Geschichtlicher Methode folgen die Artikel meist größeren Umfangs, die philosophische Begriffe zum Gegenstand haben, die der Philosophie seit ihren Anfängen in Griechenland fortgehend angehören und in Kontinuität und im Wandel ihrer Bedeutungen wie Leitbegriffe durch ihre Geschichte führen. Sie werden, alle Epochen ihrer Geschichte umgreifend, meist von mehreren Autoren dargestellt und übernehmen in besonderer Weise die Aufgabe, Geschichte und Gegenwart der Philosophie miteinander zu vermitteln und Kontinuität, Umformung und Abbruch in ihrem Gange erscheinen zu lassen. Wie auch sonst, wird in diesen Artikeln vermieden, die Darstellung mit einer «Definition» einzuleiten oder abzuschließen. Sie gehen vielfach vom Aufkommen des Begriffswortes und der Bedeutung aus, die seine Aufnahme in die Philosophie voraussetzt, sie begründet und kennzeichnet. Es gibt Darstellungen, die mit der Feststellung enden, daß der Begriff, dem sie sich zuwenden, in der Gegenwart keine aktuelle Funktion mehr hat, und die dieses Zurücktreten deuten. Wo sich zeigte, daß die Geschichte eines Begriffes sich nicht gleichmäßig in allen Epochen verfolgen läßt, hat der Herausgeberkreis es vorgezogen, Lücken und Dunkelstellen in Kauf zu nehmen, statt um einer nicht oder nur schwer erreichbaren Vollständigkeit willen den Abschluß eines Artikels ins Unbestimmte hinauszuschieben. Anderseits haben bei einer nicht geringen Anzahl von Autoren die Einladung und die Arbeit für einen Artikel zu neuen Ergebnissen geführt, so daß hier nicht nur der Stand der Forschung zusammengefaßt, sondern überboten wird. Ganze Artikel oder Teile von ihnen sind lexikalische Abbreviaturen originaler Forschungen, die hoffentlich auch in ausführlicherer Form zur Publikation kommen werden. 4. Da sich die Geschichte von Begriffen nicht isolieren läßt, ist in das Wörterbuch auch die Darstellung von Begriffen aufgenommen worden, die in der Geschichte der Philosophie und der Wissenschaften Bedeutung gehabt haben, ohne daß das gegenwärtige Denken noch in Beziehung zu ihnen steht. Auch hier mag man der Meinung sein können, daß zu viel, und ebenso, daß zu wenig berücksichtigt wurde. Ein Wörterbuch, das in einer absehbaren Zeit zum Abschluß kommen muß, setzt die Bereitschaft zur Auswahl voraus, die da, wo objektive und eindeutige Normen fehlen, auch immer dem kritischen Einwand der Willkürlichkeit ausgesetzt bleibt. 5. Vor ein besonderes Problem stellten Begriffe, die sowohl in der Philosophie wie in fachwissenschaftlichen Disziplinen ihren Ort haben, und ebenso Begriffe, wie Feld, Struktur u.a., die in verschiedenen Wissenschaften eine tragende, aber durchaus differenzierte Bedeutung haben. Hier wurde der Weg gewählt, sie für jede dieser Disziplinen darzustellen, um so, statt eine abstrakte Zusammenfassung zu geben, die sachliche und die methodische Differenzierung, in der diese Begriffe gebraucht werden und ihre Funktion erfüllen, deutlich zu machen. Zugleich aber wurde die zunächst vorgesehene Kennzeichnung dieser Artikel durch Angabe der jeweiligen Disziplin durch eine neutrale Numerierung mit römischen Ziffern ersetzt, damit nicht die fachliche Trennung, sondern die Differenzierung geltend gemacht und das in ihr liegende systematische Problem aufgewiesen werde; sein Austrag allerdings ist nicht Sache des Wörterbuchs, denn Lexika sollen aufnehmen und zusammenfassen, nicht aber künftige Wege vorzeichnen oder sie antizipieren. 6. Alle Artikel sind einheitlich aufgebaut. Sie geben eine zusammenhängende Darstellung, in die nach Möglichkeit Belege aus den Texten aufgenommen werden, deren Fundstellen in Anmerkungen angeführt sind; in ihnen wird ebenso die Literatur angegeben, auf die sich die Darstellung jeweils bezieht oder stützt. Zu jedem Artikel gehören Literaturhinweise, die, ohne bibliographische Vollständigkeit zu beanspruchen, auch solche Literatur nennen, die über den Zusammenhang der im Artikel gegebenen Darstellung hinausweist, um dem Benutzer die überprüfung des Gesagten möglich zu machen und seine eigene Arbeit und Nachforschung anzuregen und zu erleichtern. Die in den Anmerkungen und in den Literaturhinweisen vorkommenden Sigeln und ihre Auflösungen werden für jeden Band in einem Verzeichnis der Abkürzungen zusammengestellt. 7. Das Wörterbuch beschränkt sich im wesentlichen auf die deutsche Sprache; doch werden Ausdrücke der griechischen, lateinischen oder einer anderen Sprache, die in die deutschsprachige Literatur eingegangen sind, als solche aufgenommen, wenn sie nicht eindeutig übersetzt werden können oder eine übersetzung sich für sie nicht eingebürgert hat. Das gilt insbesondere für zahlreiche Termini der Ontologie und der Logik in ihrer lateinischen Tradition, die nach dem Ende der Schulphilosophie, wenn überhaupt, nur in veränderter Bedeutung in die moderne Sprache der Philosophie aufgenommen und in ihr aufbehalten wurden. Der lateinische Titel wurde nicht selten auch dann gewählt, wenn dem Autor daran lag, Darstellung und Deutung im Zusammenhang der älteren Tradition zu fundieren und von ihr her die moderne Entwicklung verständlich zu machen. Längeren griechischen oder lateinischen Zitaten werden in der Regel deutsche übersetzungen im Text beigegeben; griechische sowie russische Wörter und ebenso die der asiatischen Philosophie werden immer im Titel und oft auch im Text transkribiert. Artikel, die in einer anderen Sprache abgefaßt wurden, sind übersetzt worden; für die übersetzung wurde das Einverständnis der Autoren eingeholt. 8. Artikel, die mit Red. unterzeichnet sind, wurden von Mitgliedern des Herausgeberkreises oder in dessen Auftrag geschrieben. Die Unterschrift Eisler (red.) bedeutet, daß der so unterzeichnete Artikel aus der letzten Auflage des Wörterbuches der philosophischen Begriffe übernommen und redaktionell bearbeitet worden ist. 9. Alle Verweisungen, die zu einem Artikel gehören, und alle Verweisungsstichworte für Begriffe und Termini, die keinen eigenen Artikel erhalten und unter einem anderen Titel behandelt sind, wurden, abweichend vom üblichen Brauch, aus dem Text der Artikel herausgenommen und mit allen Artikeltiteln in einem besonderen Indexband zusammengefaßt. Das empfahl sich einmal, weil es so möglich wurde, bei der Art des Aufbaus und der Veröffentlichung des Wörterbuchs sonst unvermeidliche Auslassungen und Fehler auszuschalten. So dann macht ein Indexband es dem Benutzer leichter, Verweisungen systematisch nachzugehen, Artikel, die in sachlicher Beziehung zueinander stehen, her auszusuchen und dafür die im Indexband vermittelte übersicht über das in das Wörterbuch eingegangene Material im ganzen vor Augen zu haben und zu nutzen. Da dieser Indexband aus einsichtigen Grün den erst mit dem letzten Band des Wörterbuchs vor gelegt werden kann, hat dieses Verfahren freilich zur Folge, daß die Benutzer der zuerst veröffentlichten Bände nicht sehen können, ob Begriffe, die sie suchen, im Wörterbuch fehlen oder ob sie in einem anderen Artikel behandelt werden. Verlag und Herausgeberkreis ist es klar, daß dies für die Benutzer des Wörterbuchs, solange es nicht als Ganzes vorliegt, nachteilig ist. Sie sind jedoch nach sorgfältiger Abwägung zu der überzeugung gekommen, daß Nutzen und Vorteile des gewählten Verfahrens die Nachteile überwiegen, und bitten die Benutzer des Wörterbuchs um Geduld, bis der Indexband vorgelegt werden kann. III Der Dank dafür, daß dieses Historische Wörterbuch der Philosophie zustande kommen konnte, gebührt denen, die es als Autoren der Beiträge geschaffen haben. Der Herausgeberkreis hofft, daß er die ihm obliegenden Aufgaben im Sinne der Erklärung verstanden und erfüllt hat, die D'ALEMBERT in der Einleitung zur Enzyklopädie von 1751 abgibt: «Wir erklären, daß wir durchaus nicht so kühn waren, uns allein eine Last aufzubürden, die unsere Kräfte weit übersteigt, und daß wir unsere Aufgabe als Herausgeber hauptsächlich in einer geordneten Zusammenstellung des Materials sehen, dessen weitaus größter Teil uns geschlossen von anderer Seite übergeben wurde.» Um die Beiträge nach Möglichkeit in ihrer originalen Fassung zu bringen, wurden Ungleichmäßigkeiten des Umfangs im Verhältnis der Artikel zueinander und im Verhältnis zu systematisch gleich wichtigen Begriffen aus anderen Bereichen in Kauf genommen, wo eine Angleichung nur durch Eingriffe in die Substanz der Darstellung erreichbar gewesen wäre. Der Herausgeberkreis kennt die Lücken, die geblieben sind. Perfektion als Ideal und Leitbild kann auch zu einer Blockierung des Abschlusses führen und die Arbeit ins Unabsehbare prolongieren. Verlag und Herausgeberkreis bitten, Vorschläge zur Ergänzung, Hinweise auf Lücken usw. an den Verlag Schwabe & Co. (CH-4000 Basel 10/Schweiz, Steinentorstraße 13) zu richten, damit sie für die weitere Arbeit und für etwaige spätere Auflagen gesammelt und genutzt werden können. Der Dank des Verlages und des Herausgeberkreises gilt der Deutschen Forschungsgemeinschaft,
die seit 1966 großzügig Sachmittel zur Verfügung stellte,
die es möglich machten, über die Improvisation des Anfangs
hinwegzukommen und zunächst einen, dann zwei wissenschaftliche Mitarbeiter
einzustellen. Der Dank des Herausgeberkreises gilt dem Verlag Schwabe & Co. in
Basel, der sich nach dem Erwerb der Rechte an R. Eislers Wörterbuch
der philosophischen Begriffe um dessen Neubearbeitung bemüht und
damit den Anstoß zur Planung und Verwirklichung des vorliegenden
Werkes gegeben hat; er gilt besonders den Verlegern Christian Overstolz
senior und Christian Overstolz junior für das ungewöhnliche
Maß an Verständnis, das sie und ihre Mitarbeiter den Sorgen
und Vorschlägen des Herausgeberkreises entgegengebracht haben. Der
philosophische Lektor des Verlages, Jakob Lanz, hat sich besondere Verdienste
um dieses Werk erworben. Der Herausgeberkreis dankt ihm aufrichtig für
die vielfältig bewährte, mustergültige Zusammenarbeit. Dank gebührt außer den auf der Impressumseite genannten Mitarbeitern
allen, die uneigennützig in mannigfacher Weise geholfen und sich
in den Dienst der Sache für längere oder kürzere Zeit
gestellt haben: in Bielefeld: I. von Hunnius; in Bochum: P. Lassop,
I. Linke, E. Lodemann, U. Pampus, F. Rheinberg, M. Schmidt; in Gießen:
H. Brelage, I. Nagel, Th. Kobusch; in Konstanz: Ch. Ehrenberg, A.
Weitzell; in Münster: I. Bäcker, St. v. Beverfoerde, D. Friedrichs,
U. Greiser, W. Nieke, A. Reckermann, E. Rupp, U. Schneider, G. Scholtz,
F. Steinbeck, H. Stora, U. Theissmann. Als hilfsbereite übersetzer fremdsprachiger Artikel seien Ch. Kriele
(Köln), R. de la Vega (Gießen) und F. Kulleschitz (Münster)
genannt. Herausgeber und Verlag danken den Universitätsbibliotheken in Bochum,
Gießen, Konstanz und Münster, die immer wieder halfen, auch
schwer erreichbare Texte heranzuschaffen. Münster, im Herbst 1970 JOACHIM RITTER |